Alcina, gefeierte Neuproduktion der Münchner Opernfestspiele

Jeanine De Bique in der Titelrolle, Foto: G. Schied
Jeanine De Bique in der Titelrolle, Foto: Geoffroy Schied

Mit Standing Ovations bedankte sich im Prinzregententheater das Publikum für ein erlesenes Musikerlebnis. Die Oper ALCINA mit ihren elegischen Arien und abwechslungsreichen Musikstimmungen gilt neben der Oper ARIODANTE als eine der gelungensten Werke von Georg Friedrich Händel. Bei den Münchner Opernfestspielen begeisterten sowohl die Opernstimmen als auch die Musizierenden des Barockorchesters unter der feinfühligen Leitung von Stefano Montanari.

Jeanine De Bique in der Rolle der Alcina

Für die Sopranistin Jeanine De Bique in der Titelrolle der Alcina war es ein gelungenes Debüt an der Bayerischen Staatsoper. Keine Überraschung, denn schon 2021 hatte die Sängerin mit karibischen Wurzeln als Alcina an der Pariser Oper reüssiert.

Die Barockoper ALCINA ist ein Liebes- und Eifersuchtsdrama mit Missverständnissen, Intrigen, Liebeswirren und Verletzungen. Die Figur der Alcina hat mehrere mythologische Vorbilder und geht zurück bis auf die Zauberin und Halbgöttin Circe in Ovids Metamorphosen. Insofern gibt es Gemeinsamkeit mit der von uns rezensierten Aufführung Hotel Metamorphosis der Salzburger Festspiele. Dieses, auf Vivaldi-Arien basierende, neu geschaffene Musiktheater ist inhaltlich ebenfalls an die Metamorphosen Ovids (43 v. Chr. – 17. N. Chr.) angelehnt.

Inhalt der Oper ALCINA

In der Händeloper lebt die Zauberin Alcina auf einer fernen Insel. Dort verführt sie gestrandete Männer, um sie nach kurzer Zeit in Steine oder Tiere zu verwandeln. Ihr neuestes Opfer ist Ruggiero, meisterlich gesungen von Countertenor John Holiday. Als seine Verlobte Bradamante, als Mann verkleidet, auf der Insel eintrifft, um ihn aus den Fängen Alcinas zu retten, verkompliziert sich das Geschehen, weil sich Alcinas Schwester Morgana in sie verliebt. Es folgen zahlreiche Verwicklungen und Nebenhandlungen, doch am Ende gelingt es Ruggiero, sich vom Liebeszauber zu lösen. Alcina verliert daraufhin ihre magische Macht, ihre glitzernde Scheinwelt bricht zusammen, und die verwandelten Liebhaber erhalten ihre menschliche Gestalt zurück.

  • Avery Amereau (Bradamante) und Jeanine De Bique (Alcina)
    Avery Amerau (Bradamante) und Jeanine De Bique (Alcina)
Fotos: Geoffroy Schied

Alcinas Entwicklungsschritte

Die Inszenierung von Regisseurin Johanna Wehner ist düster und weit entfernt von einem magischen Märchen oder einem amourösen Schäferspiel. Johanna Wehner zeigt Alcina als glamouröse und betörende Frau, aber auch als narzisstische Persönlichkeit mit geringer Impulskontrolle, die im Zorn schon mal das Mobiliar zertrümmert. Jeanine De Bique als Alcina beeindruckt nicht nur durch stimmliche Virtuosität und technische Perfektion, sondern auch durch ihr darstellerisches Talent. Ihre Alcina ist voller Widersprüche. Von der selbstbewussten Herrscherin wandelt sie sich zur Rachegöttin und am Ende zu einer verzweifelten und gebrochenen Figur.

Kostüme unterstreichen Regiekonzept

Die Kostüme von Ellen Hoffmann unterstreichen die Entwicklung der Titelfigur: In den ersten beiden Akten glänzt Alcina in einem eleganten roten Hosenkleid und aufwändiger Galafrisur. Im 3. Akt tritt sie dagegen unscheinbar auf. Sie trägt die Haare mädchenhaft offen. Ihr Hosenkleid hebt sich farblich kaum vom Hintergrund ab. Dagegen blüht im letzten Akt Alcinas Schwester Morgana , stimmgewaltig dargestellt von der französischen Sopranistin Elsa Benoit, geradezu auf. Morgana trägt jetzt einen glitzernden festlichen Anzug und erntet für ihre perfekt vorgetragene Arie „Glaubt meinem Schmerz“ Szenenapplaus.

Die Kostümgestaltung lässt ein klares, stringentes Konzept erkennen. Alle Bühnenfiguren, ob Mann oder Frau, ob Countertenor, verkleidete Frau oder Sängerin in Hosenrolle, alle tragen Anzüge oder zumindest Hosen. Auf diese Weise verliert die Geschlechterzuordnung ein wenig an Bedeutung. Jeder ist das, was er vorgibt zu sein, oder was seine Mitspielenden in ihm sehen. Das ist eine sehr moderne Herangehensweise.

Desillusionierendes Bühnenbild

Das Bühnenbild von Benjamin Schönecker ist nüchtern gehalten. Es gibt weder Naturkulisse noch einen glanzvollen Palast, sondern nur ein etwas heruntergekommenes Wohn- und Gästehaus, eine Mischung aus Kolonialstil und leicht deplatzierten Designerobjekten. Eine Treppe mit Galerie bietet eine zweite Spielebene und ermöglicht Alcina, als Herrin des Hauses, eine exponierte Position einzunehmen. In der Pause folgt ein Umbau mit Bühnenbildwechsel. Im dritten und letzten Akt blickt das Publikum auf die unkaschierte Hinterbühne mit Scheinwerfern, Technik und Gerüst. Seitlich befindet sich ein schräg gestellter, wenig wohnlicher Salon. Hier posieren die zu Stein gewordenen Exliebhaber als Skulpturen auf Sockel oder Wandnischen und warten auf ihre Wiederbelebung.

Die Inszenierung endet dann doch ein wenig irritierend: kein starkes Finale, sondern ein leicht verhuschter, unspektakulärer Schluss. Alicinas Verblassen in einem Waldgemälde, kann als Aufgehen in der Natur verstanden werden, aber warum verlassen die aus ihrer Versteinerung geretteten Männer ohne jegliche Regung die Szenerie in Richtung Seitenbühne? Trotz dieser offenen Frage, bleibt der Eindruck eines musikalisch eindrucksvollen Barockevents. Am Schluss noch ein Hinweis: Wer die Oper als reinen Hörgenuss erleben möchte, der kann sich den BR-Klassik-Mitschnitt in voller Länge unter dem Link https://www.br-klassik.de/programm/radio/ausstrahlung-4059390.html anhören.